Gestern um 8:50 Uhr wechselte auf der Avenue du Mail in Plainpalais ein Lkw die Fahrspur, wobei die neben ihm fahrende Radfahrerin in seinen toten Winkel geriet. Sie wurde unter dem Fahrzeug eingeklemmt. Die Rettungskräfte brauchten mehrere Minuten, um sie unter dem Fahrzeug hervorzuholen. Sie erlitt schwere Verletzungen, ihr Leben ist jedoch nicht in Gefahr. Sie ist 32 Jahre alt.
Der tote Winkel bei schweren Fahrzeugen wird seit Jahrzehnten als einer der Hauptfaktoren für den Tod von Radfahrern in der Stadt genannt. In der Schweiz, die seit Jahren in die Fahrradinfrastruktur investiert, war 2025 eines der schlimmsten Jahre in Bezug auf die Zahl der Verkehrstoten. Die Daten im europäischen Vergleich sprechen eine klare Sprache: Die Schweiz verzeichnete den stärksten Anstieg der Verkehrstoten auf dem gesamten Kontinent. Das ist schwer nachvollziehbar für diejenigen, die davon ausgehen, dass besserer Straßenbelag automatisch weniger Todesopfer bedeutet.
Es gibt Sensoren, Rückfahrkameras und Seitenspiegel. Die Technologie, um Radfahrer im toten Winkel zu erkennen, existiert, und viele Lkw sind damit ausgestattet. Dennoch kommt es weiterhin zu Unfällen, fast immer im gleichen Kontext: Schwerlastfahrzeug, Stadt, Abbiegemanöver oder Spurwechsel, unsichtbarer Radfahrer. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass er sich im toten Winkel befand. Als ob damit die Sache erledigt wäre.
Für alle, die in Genf, Zürich, Bern oder Basel leben und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, ist diese Nachricht kein fernes Thema. Es ist dieselbe Straße, dieselbe Art von Kreuzung, derselbe Lkw-Typ. Die Debatte darüber, ob die Schweizer Städte zwar die Anzahl der Radwege vervielfacht haben, ohne jedoch das Zusammenleben mit schweren Fahrzeugen wirklich zu lösen, ist weiterhin offen. Nicht theoretisch, sondern ganz konkret – jeden Morgen.